Das Großfürstentum Litauen
Im 15. Jahrhundert gehörte das Großfürstentum Litauen zu den größten Staaten Europas. Es erstreckte sich von der Ostsee bis in Richtung Schwarzmeerraum. Das Kapitel erklärt, wie sich dieser Staat entwickelte und welche Spuren heute noch zu sehen sind.
Wie es begann: Bedrohung aus dem Westen
Im frühen 13. Jahrhundert gerieten die baltischen Gebiete unter den Druck christlicher Ritterorden, die ihre Herrschaft nach Osten ausdehnten. In den Gebieten der heutigen Letten, Esten und der Pruzzen gingen Eroberung und Missionierung miteinander einher. Auch die litauischen Stämme mussten sich mit dieser Bedrohung auseinandersetzen.
Mindaugas vereinigte einen bedeutenden Teil der litauischen Stämme und suchte durch Diplomatie Anerkennung im christlichen Europa. Der Zusammenschluss bislang getrennter Herrschaftsgebiete legte eine Grundlage für den späteren Staat.
Mindaugas: der einzige König Litauens
Mindaugas nahm 1251 das Christentum an und suchte damit auch politische Anerkennung im christlichen Europa. 1253 wurde Mindaugas mit Zustimmung von Papst Innozenz IV. zum König von Litauen gekrönt. Er blieb der einzige litauische Herrscher mit päpstlich anerkannter Königswürde. Die Krönung war ein wichtiger diplomatischer Erfolg.
Nach der Niederlage des Ordens in der Schlacht bei Durben 1260 veränderten sich die politischen Bündnisse. Die Überlieferung zu Mindaugas und seiner späteren religiösen Haltung ist nicht in allen Einzelheiten eindeutig. Mindaugas wurde 1263 von Verschwörern aus den eigenen Reihen ermordet. Das Königreich hatte nur kurze Zeit Bestand.
Gediminas und Vilnius
Unter Gediminas, der von 1316 bis 1341 regierte, entwickelte sich Vilnius zu einem wichtigen politischen Zentrum. Sein Brief vom 25. Januar 1323 enthält die früheste bekannte schriftliche Erwähnung von Vilnius. Die Sage vom eisernen Wolf erzählt dagegen von der legendären Gründung der Stadt.
Der Sage nach träumte Gediminas von einem eisernen Wolf auf einem Hügel am Zusammenfluss von Neris und Vilnia. Der Wolf heulte mit den Stimmen von hundert Wölfen. Der Priester Lizdeika deutete den Traum als Zeichen: Eine hier errichtete Stadt werde berühmt und mächtig. Diese Erzählung gehört zur Gründungslegende von Vilnius.
Davon zu unterscheiden sind die erhaltenen Abschriften von Gediminas’ Briefen. Darin lud er unter anderem Kaufleute, Handwerker und Geistliche aus anderen Teilen Europas ein und stellte ihnen Rechte und Religionsausübung in Aussicht. Die Briefe zeigen den Ausbau von Vilnius und die diplomatischen Verbindungen des Großfürstentums im 14. Jahrhundert.
Vytautas der Große: das goldene Zeitalter
Unter Vytautas, der von 1392 bis 1430 regierte, gehörte das Großfürstentum zu den größten Staaten Europas. Es erstreckte sich von der Ostsee bis in Richtung Schwarzmeerraum. Seine Herrschaft war durch militärische Unternehmungen und Diplomatie geprägt.
Vytautas regierte über sehr unterschiedliche Gebiete und ließ örtlichen Fürsten Spielraum, solange sie seine Oberhoheit anerkannten. Der Staat war multiethnisch: Litauer, Russen, Polen, Juden und Tataren lebten innerhalb seiner Grenzen.
Die Schlacht bei Tannenberg im Jahr 1410
Am 15. Juli 1410 trafen der Deutsche Orden und die vereinten Streitkräfte Polens und Litauens unter Jogaila und Vytautas aufeinander. Die Schlacht fand auf dem Gebiet des heutigen Polen statt und dauerte mehrere Stunden.
Der Deutsche Orden verlor seinen Hochmeister und viele Ritter. In der Schlacht bei Grunwald/Tannenberg wurde der Deutsche Orden geschlagen und seine Macht erheblich geschwächt. Der Orden bestand danach weiter. Litauen und Polen stärkten ihre westlichen Grenzen.
Der litauische Name der Schlacht, Žalgiris, ist bis heute bekannt. Der Basketballverein BC Žalgiris Kaunas trägt ihn ebenfalls. So begegnen Besucher einem Bezug zur mittelalterlichen Geschichte auch im heutigen Sport.
Warum das Großfürstentum noch heute zählt
Die Altstadt von Vilnius, die aus dem politischen Zentrum der Zeit Gediminas’ hervorging, gehört zum UNESCO-Welterbe. Der Gediminas-Turm steht auf dem Hügel, der auch mit der Sage vom eisernen Wolf verbunden ist. Schulen, Straßen und Plätze im ganzen Land tragen den Namen Vytautas. Auch der 15. Juli als Gedenktag der Schlacht hält die Erinnerung wach.
Die Erinnerung an das Großfürstentum spielt im heutigen Litauen weiterhin eine wichtige Rolle. Die historischen Bauten, Ortsnamen und Gedenktage bieten Besuchern konkrete Anknüpfungspunkte.
Heute besuchbar
Am Gediminas-Turm lässt sich die Geschichte der heutigen Hauptstadt mit dem Großfürstentum verbinden. Von seiner Lage auf dem Hügel wird deutlich, wie das frühere politische Zentrum in die Stadt eingebettet war.