Litauen · Geschichte · Kapitel 1

Frühgeschichte Litauens und baltische Stämme

Frühe Besiedlung, baltische Völker und der mittelalterliche litauische Staat sind unterschiedliche Geschichtsphasen. Dieses Kapitel verbindet baltische Sprachen, Bernsteinhandel und Glauben mit heute besuchbaren Orten.

Geschichte › Kapitel 1: Ursprünge

Wer waren die Balten?

Zu den baltischen Völkern gehören die Litauer und Letten sowie die historischen Pruzzen und weitere Gruppen. Sie zählen zu den indoeuropäischen Völkern. Ihre Entwicklung ist von der ersten menschlichen Besiedlung der Region zu unterscheiden: Ein vorgeschichtlicher archäologischer Fund lässt sich nicht ohne Weiteres einer späteren ethnischen Gruppe zuordnen.

Für die Geschichte der Balten sind ihre Sprachen besonders aufschlussreich. Im Litauischen sind viele alte indoeuropäische Sprachmerkmale erhalten, die auch in älteren Sprachen wie Sanskrit Entsprechungen haben. Litauisch ist zugleich eine heutige Alltagssprache und kein unverändertes Überbleibsel der Vorgeschichte.

Die Bernsteinküste

Bernstein war in der Antike ein wertvolles Handelsgut. Die Handelswege verbanden die Ostseeküste über Flüsse, Wälder und Gebirgspässe mit dem Mittelmeerraum. So war die Region lange vor den ersten schriftlichen Erwähnungen Litauens in überregionale Austauschbeziehungen eingebunden.

Die Nachfrage nach Bernstein verband Menschen an der Ostsee mit Kulturen im Süden Europas. Das Bernsteinmuseum Palanga berichtet von der Verwendung von Bernstein bei ägyptischen Pharaonen, den alten Griechen und Römern. Die „Bernsteinstraße“ bezeichnet dabei ein Netz verschiedener Wege und keine über Jahrhunderte unveränderte einzelne Straße.

Beim Handel gelangte nicht nur Bernstein nach Süden. Aus anderen Regionen kamen Bronze, Glas und weitere handwerklich gefertigte Waren an die Ostsee. Die baltischen Gemeinschaften waren damit Teil des europäischen Austauschs von Gütern und Kenntnissen.

Vor über 10.000 Jahren
Erste Menschen nach dem Eis; getrennt von baltischer Identität
1009 n. Chr.
Erste schriftliche Erwähnung Litauens
1387
Litauen nahm offiziell den Katholizismus an; Samogitien folgte im frühen 15. Jh.
Bernsteinhandel
Fernhandel mit dem Mittelmeerraum

Perkūnas, Eichen und die heiligen Haine

Die baltische Religion lässt sich aus historischen Quellen, Bräuchen und Volksüberlieferungen nur teilweise rekonstruieren. Die Vorstellungen unterschieden sich je nach Gruppe und veränderten sich mit der Zeit. Das Litauische Nationalkulturzentrum beschreibt in „Lithuanian Roots“ Dievas an der Spitze des Pantheons und Perkūnas als besonders mächtigen Donnergott. Auch andere Naturkräfte, Landwirtschaft und Alltag waren mit Gottheiten verbunden.

Heilige Eichenhaine und als alkai bezeichnete Hügel waren Orte religiöser Zeremonien. Auf Altären wurden heilige Feuer unterhalten. Diese aus Quellen und Überlieferungen rekonstruierte Praxis ist von der Vorstellung eines für alle Balten einheitlichen religiösen Systems zu unterscheiden.

Mit dem heiligen Feuer verbindet sich in Palanga eine konkrete Ortsgeschichte: Das Tourismuszentrum Palanga erzählt die Legende von Birutė, die auf dem nach ihr benannten Hügel ein heiliges Feuer gehütet haben soll. Den Birutė-Hügel können Sie im Park beim Bernsteinmuseum besuchen.

Litauen gehörte zu den europäischen Staaten, die spät offiziell zum Christentum übertraten. Die Christianisierung verlief schrittweise: Litauen im engeren Sinne nahm 1387 offiziell das römisch-katholische Christentum an; Samogitien folgte vor allem im frühen 15. Jahrhundert.

Die erste schriftliche Erwähnung Litauens

1009 wird Litauen erstmals in den Quedlinburger Annalen erwähnt. Die Quelle berichtet vom Martyrium Brunos von Querfurt an der Grenze zwischen Litauen und der Rus und nennt den Namen „Lituae“.

Vor den frühesten schriftlichen Quellen lebten die Balten in Stämmen ohne gemeinsame zentrale Herrschaft. Sie pflegten eigene Sprachen, Glaubensvorstellungen und Bräuche. Die Geschichte dieser Gruppen ist von der späteren Entwicklung des litauischen Staates zu unterscheiden.

Warum diese alten Wurzeln noch heute zählen

Litauisch wird heute in den Cafés von Vilnius gesprochen, in Schulen gelernt und in sozialen Medien geschrieben. Zugleich bewahrt die Sprache viele alte indoeuropäische Merkmale. Sprache ermöglicht damit einen Zugang zu älteren kulturellen Zusammenhängen, ohne dass sich daraus eine unveränderte Identität seit der Vorgeschichte ableiten ließe.

An der Ostseeküste wird weiterhin Bernstein gesammelt, verarbeitet und verkauft. Museen und Kunsthandwerk zeigen unterschiedliche historische und heutige Verwendungen. Auch Namen wie Perkūnas und einzelne überlieferte Bräuche gehören zur fortwirkenden kulturellen Erinnerung.

Sprache, Bernsteinhandel und überlieferte Bräuche bilden den Hintergrund für die späteren Kapitel über das Großfürstentum, die Adelsrepublik und die Unabhängigkeit.

Frühe Besiedlung heute erkunden

Heute lässt sich diese Geschichte etwa im Bernsteinmuseum Palanga im Birutė-Park nachvollziehen. Es besitzt rund 30.000 Bernsteinobjekte. Für die Zeit vor den schriftlichen Quellen bietet Kernavė einen anderen Zugang: Die UNESCO beschreibt dort Spuren menschlicher Besiedlung über etwa zehn Jahrtausende, mit Burgbergen, Gräberfeldern und Siedlungsschichten im Neris-Tal. Der Name Litauen ist seit 1009 schriftlich belegt; Menschen lebten auf dem Gebiet des heutigen Litauen bereits mehr als zehntausend Jahre zuvor, nach dem Rückzug der Gletscher, wie das Litauische Nationalmuseum erläutert.

Heute besuchbar

Die archäologische Stätte Kernavė liegt etwa 35 km von Vilnius entfernt. Ihre Burgberge, Gräberfelder und Siedlungsschichten geben Einblick in die Geschichte des Gebiets lange vor den mittelalterlichen Burgen und schriftlichen Chroniken.

Quellen

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