Litauen · Geschichte · Kapitel 4

Litauen unter russischer Herrschaft und die Nationalbewegung

Nach den Teilungen des späten 18. Jahrhunderts stand der größte Teil Litauens mehr als ein Jahrhundert unter russischer Herrschaft. Die zaristischen Behörden russifizierten Schulen und Verwaltung und verboten litauische Veröffentlichungen in lateinischer Schrift. Buchschmuggler brachten verbotene litauische Bücher und Zeitungen über die Grenze und trugen so zum Erhalt der Schriftkultur bei.

Geschichte › Kapitel 4: Litauen unter russischer Herrschaft und die Nationalbewegung

Wie es begann

Mit der dritten Teilung von 1795 endete die polnisch-litauische Adelsrepublik. Russland, Preußen und Österreich teilten ihr Gebiet unter sich auf; ein großer Teil der früheren Länder des Großfürstentums, einschließlich Vilnius, kam zum Russischen Reich. Užnemunė, westlich des Nemunas, wurde Preußen zugeteilt, wie das Litauische Staatliche Historische Archiv dokumentiert. Eigene Staatlichkeit bestand damit nicht mehr. Die russisch beherrschten Gebiete wurden später mehrfach verwaltungsmäßig neu geordnet.

Der örtliche Adel behielt zunächst einen Teil seiner Vorrechte, und das kirchliche Leben bestand fort. Nach den Aufständen von 1831 und 1863 verschärften die Behörden jedoch die Repression und die Maßnahmen zur Russifizierung.

1795
Dritte Teilung, Litauen wird von Russland eingegliedert
1864
Beginn des Verbots litauischer Veröffentlichungen in lateinischer Schrift
1883
Erscheinen von Aušra
7. Mai 1904
Aufhebung des Druckverbots nach vierzig Jahren

Das Verbot litauischer Veröffentlichungen in lateinischer Schrift

1864-1865 führten die zaristischen Behörden das Verbot litauischer Veröffentlichungen in lateinischer Schrift ein. Es galt bis 1904; kyrillische Ausgaben waren zugelassen oder wurden gefördert. Schulen und Verwaltung wurden russifiziert, die katholische Kirche geriet unter Druck.

Die Maßnahmen sollten die litauische Schriftkultur zurückdrängen. Buchschmuggel und illegale Verbreitungsnetze verhinderten jedoch, dass litauische Veröffentlichungen verschwanden.

Die Buchschmuggler, Helden vom Land

Bauern, Müller, kleine Gutsbesitzer und Geistliche beteiligten sich daran, litauische Bücher und Zeitungen außerhalb des Russischen Reiches drucken zu lassen. Wichtige Druckorte lagen in Ostpreußen beziehungsweise Kleinlitauen, besonders in Tilsit und Ragnit. Von dort gelangten die Veröffentlichungen heimlich über die Grenze nach Litauen.

Die Beteiligten wurden knygnešiai genannt, auf Deutsch Buchträger oder Buchschmuggler. Männer und Frauen verbargen Druckschriften unter Kleidung oder in Wagen und transportierten sie teils nachts über die Grenze. Wer entdeckt wurde, musste mit Gefängnis oder Verbannung nach Sibirien rechnen. Verbreitung und Transport waren mit erheblichen persönlichen Risiken verbunden.

Vierzig Jahre lang hielten die Buchschmuggler litauische Veröffentlichungen im Umlauf. Litauischsprachige Bücher in lateinischer Schrift wurden im Ausland gedruckt, über die Grenze geschmuggelt und von Untergrundorganisationen verteilt. Die Zahl der Drucke nahm zu. Am 7. Mai 1904 wurde das Verbot aufgehoben.

Aušra und das nationale Erwachen

Kultur und Publizistik spielten für die Nationalbewegung eine wichtige Rolle. 1883 erschien in Preußen die Zeitung Aušra, auf Deutsch „Morgenröte“. Sie war nicht die erste litauische Zeitung, wurde aber zu einem wichtigen Organ der modernen Nationalbewegung. Ihre Beiträge betonten eine eigene Geschichte, Sprache und politische Zukunft Litauens.

Zu den prägenden Personen hinter Aušra gehörte Jonas Basanavičius, Arzt, Gelehrter und Publizist. Er lebte in mehreren Ländern und setzte sich für die litauische Nationalbewegung ein. Seine Arbeit trug dazu bei, kulturelles Selbstbewusstsein mit dem Interesse an einer eigenständigen politischen Entwicklung zu verbinden.

Kulturelle Fundamente

Im späten 19. Jahrhundert sammelten Forscher Volkslieder, Erzählungen und Bräuche. Sprachwissenschaftler arbeiteten an der Systematisierung und Standardisierung des Litauischen. Dichter thematisierten frühere Größe und die Unterdrückung Litauens. Diese Arbeit stand unter der Beobachtung der zaristischen Behörden; trotz Druck und Angst wurde sie fortgesetzt.

Die als dainos bezeichneten Lieder begleiteten unter anderem Hochzeiten, Beerdigungen, den Wechsel der Jahreszeiten und den Arbeitsalltag. Ihre Sammlung und Veröffentlichung bewahrte mündlich überlieferte Texte als gemeinsames kulturelles Gedächtnis für spätere Generationen.

Der Preis der Aufstände

Die Aufstände von 1831 und 1863 gegen die russische Herrschaft wurden niedergeschlagen. Nach 1831 verloren viele beteiligte Adlige ihre Güter. Auf den Aufstand von 1863 folgten weitere Repressionen; in diesem Zusammenhang wurde auch das Verbot litauischer Veröffentlichungen in lateinischer Schrift eingeführt.

Die Repression traf Menschen und ganze Gemeinschaften: Es kam zu Hinrichtungen, Verbannungen nach Sibirien und kollektiven Strafen. Neben bewaffneten Erhebungen gewannen kulturelle und politische Formen des Widerstands an Gewicht. Buchschmuggel, Publizistik und die Nationalbewegung sind Teil dieser Entwicklung.

Der Weg zur Unabhängigkeit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die litauische Nationalbewegung eine politische Kraft. Nach der russischen Revolution von 1905 forderte der Große Seimas von Vilnius am 4.-5. Dezember 1905 Autonomie für Litauen. Damit verband sich die kulturelle Erneuerung mit politischen Forderungen. Der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch des Russischen Reiches eröffneten später neue politische Handlungsmöglichkeiten.

Buchschmuggler und Erinnerungskultur

Die knygnešiai transportierten verbotene Bücher, Gebetbücher und Zeitungen über die Grenze. Ihr Beitrag zum Erhalt des geschriebenen Litauischen wird bis heute in Litauen gewürdigt.

Quellen

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